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Kopfgeldjäger Episode 5.Verrat

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Valkyre

Eigentlich war diese Geschichte als Einsendung zum Wettbewerb um den Platz in einer Anthologie gedacht. Aber es ist mehr der Prolog einer Geschichte geworden und passt nun nicht mehr zu der Ausschreibung. Dennoch soll sie gelesen werden ...
Vielleicht komme ich 2018 dazu, die ganze Geschichte zu schreiben.

Prolog

 

»Tapfere Seele bei 75° 6′ 0″ N, 42° 19′ 12″ W«, erklang es blechern aus Valerias Funkgerät. Sie schob es in die rechte Tasche ihrer eng anlegenden Fliegerjacke.
   »Ich bin auf dem Weg«, sprach sie in das Handheldmikrophon und klemmte es sich an den Kragen. Sie zog ihre Fliegerbrille und Helm aus dem Spind. Darauf stürzte Valeria in den Hangar, in dem ein einzelner Doppeldecker stand. Ihre Schwestern waren ausgeflogen, sie bildete die eiserne Reserve für eben jenen Fall. Valeria war jetzt die einzige Valkyre, die diese Seele vor dem Zugriff Hels, der Herrin der Unterwelt, beschützen konnte. Im Luftschiff befanden sich im Moment lediglich die arkanen Techniker und die Besatzung des Towers.
   Im Laufen zog Valeria die Fliegerbrille fest und stülpte den Helm über den Kopf. Die blonden Haare fielen ihr ungebunden über die Schultern. Sie überprüfte den Sitz ihrer Pistole und des Kurzschwertes auf ihren Rücken. Darauf schwang sie sich über den rechten Flügel an das Steuer ihreres Doppeldeckers. Das Maschinengewehr war von den arkanen Technikern geprüft, gesäubert und geladen worden.
   Der Motor heulte auf und verfiel sogleich in das vertraute Knattern. Ätherischer Dampf stieg durch die Ritzen der Abdeckhaube. Valeria war vor jedem Start etwas nervös, aber sobald sie dieses Geräusch hörte, entspannte sie sich ein wenig. Die Rotorblätter durchschnitten die Luft und der Doppeldecker setzte sich in Bewegung. Den Augenblick der langsamen Anfahrt nutze die Valkyre, um die Gurte anzulegen.
   »Was macht eine Seele so weit draußen?«, fragte Valyria den Tower über ihr Funkgerät.
   »Eiswandern«, kam es lakonisch zurück.
   »Sehr lustig«, entgegnete Valeria trocken. Der Doppeldecker fuhr tuckernd auf die Startbahn.
   »Starterlaubnis erteilt«, erklärte die blecherne Stimme über Funk.
   Der Doppeldecker nahm fahrt auf. Der Wind blies Valeria eisig um Mund und Nase, dabei riss er an ihren langen Blonden Haaren.
   »Valeria, es ist egal, wie die Seele dort hinkommt, wichtig ist nur das die Hels Truppen sie nicht in die Finger bekommen. Sie muss an Odins Tafel, für den Fall ...«
   »Das es doch noch zu Ragnarök kommt«, sprach Valeria mit. Diesen Satz hatte sie bereits tausende Male in ihrem nahezu ewigem Leben gehört. Sie zog den Steuerknüppel zurück. Die Maschine neigte sich nach oben und erhob sich in die Luft. Valeria wurde fest in den Sitz gepresst.
   »Das ist eine ernste Sache«, begehrt der Tower auf. »Mit jeder Seele, die sie gewinnen ...«
   »Gewinnen sie einen Soldaten für den Krieg«, führte Valeria den Satz zu ende. Auch das war ihr nicht neu. Aber bisher hatte sie nichts gesehen, was sie glauben ließ, das Hel Anstalten unternahm ihren Vater Loki zu befreien. Was sollte sie auch davon haben, er würde ihr die gewonnene Macht streitig machen.
   Die Startbahn schoss unter ihr hinfort. Um Valeria herum öffnete sich die Weite des Himmels. Das Luftschiff hinter ihr wurde rasch kleiner. Mit zwei Tastendrücken aktivierte sie ihren Radar.
   Ein Licht blinkte auf der grünen Fläche. Da war die Seele auch schon. Sie schien sich nicht zu bewegen. Die meisten kürzlich Verstorbenen konnten mit ihrem plötzlichen Tod nicht besonders gut umgehen. Sie wechselten dabei unentwegt zwischen ihrer und der Anderswelt hin und her. Ohne Führung würden sie verloren gehen. Niemand bis auf Odin wusste, was mit ihnen geschah, aber er teilte sein Wissen nicht. Die Anderswelt hingegen, war ein Spiegel zur Welt der Lebenden. Wenn auch gänzlich unbelebt.
   Die Aufgabe einer Valkyre bestand darin, die Seele zu schützen und zu bergen, die sich durch besondere Verdienste im Leben hervorgetan hatten. Um diese Seelen war seit Lokis Gefangenschaft ein heftiger Kampf entbrannt. Wenn Hels Truppen, die Helkyren, sie zuerst erreichten, wurde sie direkt nach Helheim verschleppt und zu einem Soldat der Göttin des Todes.
   Bei diesem Einsatz ging Valeria nicht davon aus, auf Feinde treffen. Zu abgelegen war der Ort, an dem die Seele in die Anderswelt gelangt war.
   »Bin in drei Minuten vor Ort«, meldete sie.
   »Bestätige.«
   Vermutlich war diese Seele im Leben ein Abenteurer gewesen, der sich übernommen hatte. Menschen, die weit über ihre Grenzen hinausgingen, gefielen Odin besonders.
   Valeria warf einen abwesenden Blick auf das Radar und erschrak. Wild blinkende Punkte schossen frontal auf ihre Position zu.
   »Abfangjäger!«, rief sie in das Funkgerät.
   »Was machen die hier?«
   »Woher soll ich das wissen?« Valerias Stimme überschlug sich. »Sie zu, dass du Verstärkung her bekommst!«
   »Ich bin ...«, der übrige Satz ging im Knattern von Valerias Maschinengewehr unter. Die grellen Geschosse verglommen, bevor sie ihr Ziel erreicht hatten. Entfernung einzuschätzen lag Valeria nicht, besonders dann nicht, wenn der feindliche Doppeldecker in gerader Linie auf sie zuflog. Die Helkyren hatten eine dreier Formation eingenommen. Die Flugmaschine links und rechts stoben auseinander, um Valeria in die Zange zu nehmen. Die Walkyre griff erneut zum Maschinengewehr und schoss. Diesmal traf sie den schwarzen Doppeldecker vor ihr. Die Geschosse durchschlugen den linken unteren Flügel wirkungslos. Aus der Mündung des Sturmgewehrs, der feindlichen Maschine, wallte das Feuer auf. Schwarze Kugeln, die auf ihrem Weg jegliches Licht fraßen, schossen ihr entgegen. Valeria schob energisch den Steuerknüppel nach vorne. Gerade noch rechtzeitig tauchte sie unter dem Angreifer ab. Sie spürte dabei die Erschütterung von Kugeln, die irgendwo in ihr Flugzeug einschlugen. Ein Blick über die Schulter verriet ihr, dass die Helkyren mit ihren Manöver gerechnet hatten. Während der Doppeldecker dem sie ausgewichen war eine scharfe Wende Vollführte, hatten sich die beiden anderen bereits an ihr Heck geheftet. Valeria zog die Maschine hoch. Sie vernahm das Rauschen von Kugel, die um sie herumschwirrten. Ihr Flieger ging in Steillage, wobei er bedrohlich knarzte. Sie schaltete den Motor aus und sogleich stürzte ihr Doppeldecker hinab. Das Gewicht des Antriebs wendete ihn. Valeria musste sich beherrschen den Propeller nicht sofort wieder zu aktivieren. »Lass mich jetzt nicht im Stich.« Das Manöver war riskant, umso länger sie wartete umso gefährlicher. Sie riskierte damit, dass ihr die Rotorblätter abgerissen wurden, wenn sie diese im freien Fall einschaltete. Es galt nicht nur dafür den richtigen Moment abzupassen, er musste auch strategisch gut gewählt sein.
   In diesem Augenblick stürzte sie zwischen den beiden schwarzen Doppeldeckern hindurch. Valeria aktivierte den Motor, der Propeller knarrte und schrammte. Valeria zog den Kopf ein und die Maschine hoch. Das vertraute Schlagen des Propellers erklang. Valeria blickte auf. Über ihr erschien der Flieger, der die Wende geflogen hatte. Sie nahm ihn unter Feuer. Ihre Kugeln schlugen zentral in den Rumpf ein. Schwer getroffen kam der Doppeldecker ins Trudeln, geriet ins Schlingern, überschlug sich und stürzte ab.
   »Ha!«, freute sich Valeria und rief sich sogleich zu Ordnung. Es stand immer noch zwei gegen eins, und sie hatte ihre Feinde im Rücken. Sie waren derzeit in einem Wendemanöver begriffenn. Valeria zog den Steuerknüppel herum und bekam einer der beiden Helkyren entgegen. Gleichsam eröffneten die beiden Kontrahenten das Feuer. Valerias befand sich in einem vorteilhaften Winkel. Von schräg oben geriet die Helkyre direkt in ihr Visier. Die Kugeln durchsiebten die Feindin am Steuer ihres Flugzeugs. Der schwarze Doppeldecker schoss mit der toten Pilotin an Bord gen Boden. In dem Moment schlug es wie Hagel in den Motor von Valeria ein. Das Rotorblatt brach. Die Splitter flogen über Valeria hinweg. Ihr Doppeldecker neigte sich sogleich hinab. Die Göttin Hel verfluchend löste Valeria den Gurt und sprang ab. Von einer Windböe ergriffen wurde sie durch die Luft geschleudert. Sie ruderte verzweifelt mit den Armen, um etwas Stabilität zu bekommen. Dann zog sie die Reißleine. Der Fallschirm spannte sich auf und Valeria wurde in den Gurt gepresst, der unter ihrer Fliegerjacke verlief. Sie keuchte. Den Moment der Stille zerriss das Rauschen einer nahenden Flugmaschine. Sogleich erklang das Dröhnen einer Schnellfeuerwaffe. Von den Geschossen zerfetzt fiel der Fallschirm zusammen. Valeria geriet in freien Fall. Ein Blick nach oben offenbarte ihr die Position des Doppeldeckers. Sie zögerte nicht einen Augenblick und löste den Schirm. Er stob nach oben und verfing sich im Rotorblatt der Helkyre. Ihr Flieger rauschte gen Erde.
   Aber auch für Valeria kam der Grund immer näher. In der vereisten Landschaft tauchten schroffe Felsen auf. Valeria öffnete ihren Notschirm. Er war klein und sie bereits wenige Fuß über dem Boden. Nahezu ungebremst schlug sie auf. In ihrem Aufprall löste sich ein Schneebrett. Gefangen in einer Lawine rutschte die Valkyre in die Tiefe.
   Den Schnee von sich spuckend wühlte sich Valeria aus den eisigen Massen. Der erste Griff ihrer zitternden Finger ging zu ihrem Funkgerät. So wie sie die Taste drückte, blieb das Knacken eines offenen Kanals aus. Valeria grub sich aus den Schneemassen und zog das Funkgerät hervor. Es gelang ihr lediglich, es in einzelnen Stücken aus der Tasche zu ziehen.
   »Bei Odin und seinen Kindern.« Sie warf das zerstörte Gerät beiseite. Erst jetzt bemerkte sie die Schmerzen in der Seite. Die Pein gebrochener Rippen war ihr nur zu vertraut. Valeria öffnete die Jake, um sicherzugehen, das sie nicht blutet. In Odins Namen blieb ihr dies erspart. Aber ihr Schicksal war dennoch nicht alt zu rosig. Als Valkyre musste sie zwar weder Essen noch trinken, die Kälte konnte ihr aber trotzdem gefährlich werden. Hels Kraft offenbarte sich in dieser.
   Behände erstieg Valeria einen Felsen, um sich einen Überblick zu verschaffen. Den Schmerz in der linken Seite ignorierte sie, so gut es ging. Rings um sie her gab es nichts als Weiß. Die Landschaft war komplett zugefroren. Valeria schloss die Jacke und wollte sich gerade auf den beschwerlichen Rückweg machen, da sah sie den Schatten einer Existenz. Eine Seele, die bisher weder von Walhalla oder Helheim beansprucht worden war.
   »He da, hier!«, schrie Valiera gegen den eisigen Wind an. Ein jüngst verstorbene Seele benötigte oft viel Zeit, um ihren Zustand zu erfassen, weshalb auch diese orientierungslos herumlief. Unmöglich zu sagen ob sie Valeria gehört hatte. Der Valkyre blieb keine Wahl, ihre Pflicht gebot die Seele mitzunehmen. Valeria schlitterte den Hang hinab, wobei sie den Sitz ihres Kurzschwertes auf dem Rücken überprüfte. Mit bedauern dachte sie daran, das ihre Pistole lediglich ein Magazin besaß. So lang die Seele umkämpft war, würden die Helkyren nicht aufgeben.
   »He, du!«, rief Valeria von weitem. »Komm hier her!« Die Seele blickte zu ihr hinüber, machte aber keine Anstalten ihr entgegenzulaufen. Mit einem Leib, der noch zwischen den Welten hing, wäre es der Existenz ein Leichtes gewesen zu ihr herüber zu schweben. Allerdings hatte sie im Moment jeweils einen Fuß und beiden Welten. Sie wusste nicht, welche der sich überlagernden Sinneseindrücke entscheidend war. Vielleicht stand die Seele noch über ihrem leblosen Körper und verstand nicht warum sie sich selbst Tod im Schnee liegend erblickte.
   Valyria versank bei jedem Schritt tief in den eisigen Massen, so das ihr die wenigen Fuß, die sie zurückzulegen hatte, unendlich lang vorkamen. Da sah sie einen schwarzen Schatten, der über eine Anhöhe gegenüber stieg, ebenfalls zielstrebig auf die Seele zu.
   Auf diese Distanz vermochte Valyria keinen sicheren Schuss abgeben, dennoch griff sie zu ihrer Pistole. Sie zielte und schoss. Unweit von der Helkyre stob der Schnee auf. Der Kopf der Kriegerin von Hel ruckte herum. Valeria konnte das Glimmen in ihren Augen sehen, selbst aus dieser Entfernung. Die Helkyre zog ihr Kurzschwert und stapfte auf Valeria zu. Sie versank dabei nicht annähernd so tief wie die Valkyre. Hatte sie festeren Untergrund, oder vermochte sie tatsächlich über den Schnee zu laufen?
   Valera sah sich nach einer Stelle um, die flacheren Schnee versprach. Bis zu den Oberschenkeln in den eisigen Massen steckend durfte sie keinen Kampf riskieren. So schnell sie konnte, bahnte sie sich einen Weg durch den Schnee auf einen Felsen zu.
   Die Helkyre erkannte sogleich was Valeria beabsichtigte und versuchte ihr den Weg abzuschneiden.
   Erleichtert stellte Valeria fest, dass der Boden anstieg und der Schnee abflachte. Die Pistole fest in der Hand erstieg sie den felsigen Grund. In dem Moment langte die Helkyre nur wenige Schritt vor ihr an. Valeria schoss. Es folgte ein metallisches Klingen. Die Helkyre hatte die Kugel mit dem Schwung ihres Kurzschwertes zerteilt.
   »Feigling«, fauchte sie. »Aber diese Krankheit ist bei Odins Brut ja üblich.« Ihre Stimme schnitt wie Messer.
   Valeria schauderte. Die Helkyren bereitete ihr seit jeher Unbehagen. Standen sie doch gegen alles, wofür sich die Valkyren einsetzten. Erst zwei Mal war Valeria einer solchen Gegnerin gegenübergestanden und dabei war sie noch nie auf sich alleingestellt gewesen.
   Die Helkyre trug ihre pechschwarzen Haare streng nach hinten gebunden. Ihr Gesicht war ausgemergelt und kantig, wie ein Totenschädel. Ihre Augen lagen tief und funkelten wie die eines Raubtiers. Sie sog schnaubend die Luft ein. Ihre blutroten Lippen formten sich zu einem triumphierenden Lächeln. »Du hast Angst«, stellte sie hämisch fest.
   »Odin ist mit mir«, versetzte Valeria, wechselte die Pistolenhand und zog das Kurzschwert.
   »Ach, wirklich«, höhnte die Helkyre. »Ich kann den alten Herrn nirgends sehen.«
   Valeria ging in eine defensive Kampfhaltung, das Schwert weit ausgestreckt.
   »Ich mache dir einen Vorschlag, wirf die Waffen weg und überlasse mir die Seele, dann erlaube ich dir zu gehen.«
   Etwas in Valeria verlangte, das Angebot anzunehmen. Es war die Angst, die da sprach, aber was wäre ein Krieger ohne dieses Gefühl? Ein leichtsinniger Idiot. Angst war wichtig, man durfte ihr nur nicht verfallen.
   »Also?«, fragte die Helkyre, sie hob die Hände unbekümmert auf Brusthöhe, das Schwert hielt sie mit zwei fingern. »Was sagst du?«
   »Wieso legst du nicht die Waffe weg!« Valeria schoss und traf die Klinge, der Helkyre die ihr aus der Hand gerissen und in den Schnee geschleudert wurde.
   Die Helkyre verfolgte fassungslos die Flugbahn ihrer Waffe.
   Valeria sprang auf sie zu und schoss dabei zwei mal. Die Helkyre trat blitzartig beiseite und griff nach ihrem Schwert. Beide Kugeln schlugen wirkungslos in den Schnee ein. Valeria hieb mit der Klinge nach ihr. Die Helkyre fuhr herum und Stahl prallte funkenreißend aufeinander. Grinsend lehnte sich die Helkyre gegen die Waffen. Valeria rutschte, verlor den Halt und stolperte nach hinten. Sie ruderte um ihr Gleichgewicht, dabei entglitt die Pistole ihrer Hand. Sie fand festen Stand und in dem Moment ging die Klinge auf sie nieder. Es gelang ihr gerade noch, den Hieb gegen ihren Kopf abzufangen.
»Du bist eine beendruckende Fliegerin, aber kämpfen kannst du nicht«, urteilte die Helkyre. Sie schlug Valerias Schwert beiseite. Die Valkyre trat der Angreiferin vors Schienbein, was diese ins Taumeln brachte. Valeria duckte sich unter dem schlecht geführten Schlag hinweg, stieß nach vorn und verspürte gleichzeitig einen scharfen Schmerz in der rechten Flake.
   Die Helkyre grinste. Ihre Worte gingen in einem Schwall silbernen Blutes unter, das ihr über die Lippen schwappte. Ihre Gesichtszüge entglitten ihr und sie brach auf die Knie.
   Die Jacke an Valerias rechten Seite war zerschnitten und der Stoff sog sich mit ihrem goldfarbenen Blut voll. Ungeachtet der Schmerzen zog sie der Helkyre das Schwert aus der Brust ihrer Feindin, holte aus und mit einem mächtigen Hieb trennte sie ihr den Kopf von den Schultern. Das Haupt rollte über den Schnee und verspritzte ihr silbernes Blut. Der Lebensaft der Helkyre war im unendlichen Weiß kaum sichtbar. Wie ein Springbrunnen von Quecksilber pumpte das Blut aus dem Hals der Helkyre, als ihr Körper nach hinten über kippte und regungslos liegen blieb.
   Valeria atmete erleichtert auf. Ihr Beine zitterten. Sie musste alle Kraft aufbringen, um nicht zusammenzusinken. »Die Seele!« Die Valkyre riss sich von dem Anblick der Toten los. Sie stolperte durch den Schnee auf den jüngst Verstorbenen zu.
   Der Tote hatte in seinem ziellosen Wandeln innegehalten und starrte Valeria mit großen Augen an, die sich durch den hüfthohen Schnee kämpfte. Seine Lippen bewegten sich, aber wer zwischen den Welten hing, wurde auf keiner Seite gehört. Valyria zog sich den linken Handschuh herunter und griff in die Brust der Seele. Das Herz in seiner Brust glomm rot auf. Sie zog ihre Hand zurück. In diesem Moment verfestigte sich die Erscheinung des Mannes.
   »Was geht hier vor?!«, brüllte er verzweifelt.
   »Du musst nicht schreien«, entgegnete Valeria. »Ich verstehe dich gut.«
   »Was ... ich ...«
   Der Mann trug dicke Kleidung aus, Leder und Fell, eine Schneebrille und Schneeschuhe. Er war für diese Landschaft besten gerüstet. Sein zotteliger Vollbart verhieß, dass er schon eine Weile unterwegs war.
   »Du bist gestorben«, erklärte Valeria knapp, »und befindest dich jetzt in der Anderswelt. Dein Herz gehört nun Odin, du bist auserkoren in seiner Armee zu dienen«, spulte sie herunter. »Jetzt komm.«
   »Was? Ich bin Pazifist, ich werde ganz sicher in keiner Armee dienen«, beschwerte sich der Rekrut.
   »Pazi- was?«, fragte Valeria irritiert. Sie besah sich ihre Wunde. Sie hatte mittlerweile aufgehört zu bluten. Wenn sie zurück auf dem Luftschiff war würde die Verletzung im Lichte Odins schnell ausheilen, nicht einmal eine Narbe sollte zurückbleiben.
   »Pazifist, jemand der keine Waffen führt und in keinen Krieg geht«, erklärte sich der Mann.
   Jetzt war es an Valeria sprachlos zu sein. Das hielt sich jedoch nur für wenige Augenblicke. »Aber du hast ein tapferes Herz, nur deshalb bist du hier.«
   »Tapfer oder nicht, ich werde nicht für irgend jemanden in den Krieg ziehen und ... sagtest du Odin?« Ein Grinsen stahl sich auf sein Gesicht. »Du willst mich nur veralbern.« Sein Verstand versuchte offenbar vergeblich, einzusortieren was hier geschah.
   »Dafür haben wir keine Zeit!« Valeria packte ihn an der Jacke und zog ihn mit sich. »Hör mir jetzt genau zu. Du bist tot und hier gibt es nur die Möglichkeit sich zwischen zwei Parteien zu entscheiden. Da du dich im Leben nicht entschieden hast, habe ich das für dich übernommen.«
   »Wenn ich tot bin wieso, ist mir dann kalt?«, argumentierte der Kerl. Er versuchte nur halbherzig, sich von ihr zu lösen.
   »Weil die Anderswelt ein Spiegel zu eurer Welt ist, deshalb ist es dir hier genau so kalt wie dort«, Valeria zog ihn zwischen zwei hochaufragenden Felsen hindurch.
   »Du kannst aufhören, ich weis zwar nicht, wie du das machst, aber ...«
   So ein sturer Bock war Valeria noch nicht begegnet. »Was ist das Letzte, an was du dich erinnerst, bevor du hier her gekommen bist?«
   Er erstarrte. »Ich habe mich in der Eiswüste verlaufen«, gestand er zögerlich.
   »Ist dir der Proviant ausgegangen?«
   »Ja! Ich hab mich einige Tage durch die Lande geschleppt ... mir war noch nie so kalt, ich musste Eis lutschen um genug Flüssigkeit ...«
   »Und dann, hast du deinen Körper verlassen«, verkürzte sie seinen Erkenntnisprozess.
   »Ich bin eingeschlafen und habe mich über meinem Körper stehen sehen«, gestand er.
   »Und dann kamst du hier her.«
   »Ich ... es war alles so verschwommen und unklar ...«
   »Du hast teilweise deinen toten Körper gesehen und teils diesen Ort, wo ich mit der Helkyre gekämpfte habe.«
   Der Schnee durch den Sie stapften, wurde immer tiefer, deshalb zog Valeria den Mann zu einem Felsen, um dort etwas an Höhe zu gewinnen. Der eisige Wind blies den Schnee von dem schroffen Gestein herunter, so gewannen sie dort einen sicheren Stand.
   »Helkyre? Ich kenne nur Valkyren«, meinte der Mann nachdenklich. Erneut versuchte sein Verstand, das Offensichtliche zu verdrängen.
   »Helkyren sind die Kriegerinen der Herrin der Unterwelt, Hel. Ich bin eine Valkyre, eine Kriegerin aus Walhalla.« Valeria erstieg den Felsen, dabei musste sie den Mann loslassen. Er folgte ihr mittlerweile freiwillig.
   »Aber das sind doch nur Mythen.«
   »Es ist wahr, die einzige Wahrheit«, widersprach Valeria. »Zwischen Hel und Odin tobt seit der Gefangenschaft von Loki ein erbitterter Kampf. Jede tapfere Seele, die hier her kommt und sich im Leben nicht für eine Seite entschieden hat, wird von einen der beiden Mächten beansprucht, ob sie will oder nicht«, fügte die Valkyre hinzu.
   »Das ist nicht gerecht«, beschwerte sich der Mann. Offenbar begann er ihr zu glauben, auch wenn er sich nun recht weinerlich anhörte.
   »Odin ist die einzige Gerechtigkeit.« Valeria stieg noch höher auf den Felsen, um sich einen Überblick über die Landschaft zu verschaffen. Als sie oben angekommen war ließ sie sich sogleich wieder hinabgleiten.
   »Was ist, bist du in Ordnung?«, fragte der Mann besorgt.
   »Ruhe«, zischte Valeria.
   »Was hast du?«, flüsterte er.
   »Da drüben sind Helkyren und nicht gerade wenige«, erklärte sich Valeria. »Du bleibst hier unten«, befahl sie. Vorsichtig schob sie sich den Felsen hinauf. Hinter der Spitze lag ein Abhang, an dessen Grund der Schnee zu einer ebenen Fläche gewalzt worden war. Darauf schritten etwa fünfzehn Helkyren auf und ab. Aber was taten sie hier? Kälte bereitete ihnen keine Probleme, aber sie befanden sich wohl nicht nur deshalb hier, mitten im nirgendwo. Sie verhielten sich wie eine Wachmannschaft, auf Patrouillengang. Erst jetzt fiel Valeria der eigentümlich geformte Hügel hinter den Helkyren auf. Er war gänzlich mit Schnee bedeckt aber seltsam symmetrisch. »Ein Hangar«, traf Valeria die Erkenntnisse.
   »Und?«
   Valeria zuckte zusammen. »Schleich dich nicht so an«, beschwerte sie sich bei dem Mann. »Das ist ein Außenstützpunkt der Helkyren. Dazu noch ein verdammt großer. Komm.« Sie ließ sich von dem Felsen hinabgleiten. Gemeinsam machten sie einen weiten Bogen um die Anlage. Dabei stieg Valeria immer wieder auf eine Anhöhe, um sich einen Überblick zu verschaffen. Aus einem anderen Winkel erkannte sie einen weiteren Hangar und wenig später noch einen. Sie waren groß genug, um jeweils vier Luftschiffe zu beherbergen. Als Valeria einen achten Hangar erblickte, bekam sie es mit der Angst zu tun. Noch nie hatte sie solch einen gigantischen Stützpunkt gesehen. Offenbar rüsteten die Helkyren zu einem Großangriff auf Walhalla.
   Ein Funkgerät krächzte. Valeria fuhr herum und riss das Schwert vom Rücken. Hinter ihr auf einem Hügel stand eine Helkyre. Ihre Lippen zu einem kalten Lächeln gekräuselt. Sie griff an das Handheldmikrofon ihres Funkgeräts.
   Nein, sie durfte keinen Alarm schlagen. Valeria schleuderte ihr das Schwert entgegen. Die Helkyre wich der wirbelnden Klinge spielend aus. Ohne zu zögern sprang Valeria von der Anhöhe herunter und stürmte so schnell es ihr der Schnee erlaubte auf die Helküre zu.
   »Stell dich zum Duell!«, rief die Valkyre ihrer Feindin zu.
   »Das tute ich«, sprach sie kühl. Das Funkgerät knackte. »Eindringling im Sektor sieben drei«, meldete sie. Darauf bückte sie sich nach Valerias Schwert und hielt es ihr mit dem Griff entgegen, als die Valkyre bei ihr anlangte. »Jetzt können wir Kämpfen, aber wie es auch ausgeht, du und die Seele dort, werdet nicht entkommen.«
   Valeria spürte den Blick des Mannes im Nacken. »Lauf weg!«, rief sie ihm zu. Ein Pazi-irgendwas konnte ihr hier nicht helfen. Die Valkyre schwang das Schwert und stieß es ihrer Feindin entgegen. Diese wich zu Seite, zog ihre eigene Klinge und ging in Kampfstellung.
   »Das reicht!«, donnerte ein Befehl. Auf der Anhöhe zum Hangar waren Etliche Helkyren erschienen, mit Schnellfeuergewehren im Anschlag. In der Mitte stand eine Helkyre, die sich nur darin unterschied, das sie keine Waffe trug und ihr schwarzer Ledermantel an den Schultern mit langen geschwungenen Stacheln besetzt war.
   »Herrin, ich habe ihr ein Duell zugesagt«, erklärte die Helkyre, die Valeria gegenüberstand.
   »Das ist nicht die Zeit für Eitelkeiten«, entgegnete die Befehlshaberin. »Die beiden kommen mit und werden befragt.«
   Zwei Helkyren schnappten sich den Mann und zwangen ihm die Arme auf den Rücken.
   »Herrin«, die Helkyre senkte Zähne knirschend die Waffe.
   Valleria sah sich einer aussichtslosen Situation gegenüber. Sollte sich zum Angriff übergehen und so einen heldenhaften Tod sterben? Aber ihr Wissen um die Basis war zu wichtig, um es einfach zu verspielen, wenn es auch nur die geringste Hoffnung gab den Helkyren zu entkommen.
Ihre Kontrahentin nahm Valeria die Entscheidung ab. Sie entwand ihr das Schwert, warf es beiseite und drehte ihr grob die Arme auf den Rücken.
   »Das ist nicht ehrenvoll«, keuchte die Valkyre.
   »Wir bekommen unser Duell das verspreche ich dir«, flüsterte die Helkyre und bugsierte ihre Gefangene den Hang hinunter.